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Finn Lemke im Portrait: Der Hype interessiert mich nicht

Die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ist nicht sein Ding. Gar nicht so einfach, wenn man die meisten seiner Mitmenschen um mehr als einen Kopf überragt. Mit einer Körperlänge von 210 Zentimetern kann man eben nicht so leicht abtauchen. Aber daran hat sich Finn Lemke längst gewöhnt. Die Blicke der Leute bei Kino- oder Kon-zertbesuchen etwa (... hoffentlich sitzt der nicht vor mir) fallen ihm schon gar nicht mehr auf. In seinem Job als Profihandballer hingegen kommt ihm seine Größe zupass. Auf dem Spielfeld steht der 25-Jährige meist im Zentrum des Geschehens. Umso wichtiger ist es ihm, stets einen sinnvollen Ausgleich zum Sport herzustellen.

Handball macht mir einen Riesenspaß. Ich habe mir bis jetzt keine Gedanken darum gemacht, wie lange das noch gehen kann. Derzeit genieße ich das alles in vollen Zügen”, gibt Finn Lemke ein klares Bekenntnis für seinen Job als Handballprofi ab. Was ihn aber keineswegs davon abhält, den Blick über das Handballfeld hinaus lenken. “Denn so gern wie ich diesen Sport auch ausübe, möchte ich mich nicht vollends davon vereinnahmen lassen. Es gibt auch noch andere wichtige Dinge für mich”.

Und das sind als erstes natürlich seine Frau Jaqueline und das Studium, mit dem er den Grundstein für die berufliche Betätigung nach der Handballkarriere legen möchte. Finn Lemke studiert im vierten Semester “Soziale Arbeit”. Mit seinem Wechsel von Magdeburg nach Nordhessen hat er in diesem Präsenzstudiengang zunächst ein Urlaubssemester eintragen lassen. “Ich will mich erst einmal richtig hier einleben, bei der MT natürlich Fuß fassen und den Rhythmus kennenlernen. Danach hoffe ich, mein Studium parallel zum Handball in Kassel fortsetzen zu können. Wir sind zusammen mit dem Verein derzeit in Gesprächen mit der Universität, über eine möglichst praktikable Lösung”.

Seit der gebürtige Bremer, der auch schon eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert hat, als Teenager ein Praktikum in einer Behinderten-Werkstatt gemacht hat, ist in ihm das Interesse gewachsen, sich mit Menschen auszutauschen, die rein gar nichts mit seinem Leben als Sportler zu tun haben. “Solche Kontakte tun unheimlich gut, weil man da einen ganz anderen Blick auf das Leben bekommt. Als Profisportler lebst Du in einem eigenen Kosmos, darin ist man dann fast ein wenig gefangen”.

Da hilft schon das Studium, um dem entgegen zu wirken. Aber vor allem die gemeinsame Zeit mit Ehefrau Jaqueline - geheiratet haben die beiden übrigens just vor der Handballsaison in Bad Salzuflen. Auch die langen Spaziergänge mit Dalmatiner “Nemo” bringen Finn auf andere Gedanken. Genießen kann er das zum Beispiel schon direkt an seinem neuen Wohnort in Kassel Wilhelmshöhe. Zu seinen Lieblingszielen zählen die Prinzenquelle oder auch die benachbarte Dönche.

Natürlich ist ein Sportler immer auch an anderen Sportarten als nur an seiner eigenen interessiert. Finn Lemke ist als gebürtiger Bremer logischerweise Anhänger von Werder, mag darüber hinaus Basketball, aber mehr noch die amerikanische  Football Liga. Und jetzt kommt ihm auch noch die neue Anwurfzeit in der Handball-Bundesliga entgegen: “Wenn Sonntagmittag gespielt wird, kann ich ab 19 Uhr die NFL im Fernsehn verfolgen”, lacht er.  

Trotz seiner vielfältigen Interessen ist für Finn Lemke jedoch klar, dass der Handball seinen Rhythmus bestimmt. Apropos: Ein möglichst strukturierter Ablauf ist ihm nicht nur auf dem Spielfeld wichtig. Sein Tag beginnt in der Regel um 7:00 Uhr. Dann gibts direkt eine erstes Frühstück, immer mit Hafer, Quark und Früchten. Anschließend heisst es “Fertigmachen für das Vormittags- training”. Einrechnen muss er dabei die Fahrzeit nach Melsungen, wo die meisten der Übungseinheiten stattfinden. Wieder zurück in Kassel nimmt er - je nach Zeit - ein zweites Frühstück oder ein Mittagessen ein. Danach gehts ab nach draußen, auf eine längere Runde mit dem Hund. Es folgt das Nachmittagstraining und anschließend ein ausgiebiges gemeinsames Essen mit seiner Frau. Um den Abend zuhause ungestört genießen zu können, schaltet er in der Regel das Handy ab 20 Uhr ab. “Dann bin ich privat und diese Zeit ist uns sehr wichtig”, verrät er.

Feste Rituale pflegt Finn auch rund um das Handballgeschehen. So schaut er sich prinzipiell die Spiele, egal ob sie gewonnen oder verloren wurden, noch einmal auf Video an. “Es ist ja wichtig zu sehen, was gut und was weniger gut gelaufen ist. Nur so kann man Erkenntnisse für das nächste Spiel gewinnen”. Die Einstellung darauf nimmt er ohnehin sehr genau. Er analysiert zum Beispiel per Videostudium eingehend die Bewegungen der Gegner und ruft sie sich dann bewusst vor dem Spiel, etwa beim Aufwärmen, durch eine Art Selbstgespräch in Erinnerung. “Das prägt sich dann noch besser ein”.

So intensiv er sich absolvierte Spiele anschaut, so wenig mag er auf vergangene Erfolge zurückblicken. “Die sind schön in dem Moment, aber irgendwann ist es auch vorbei. Angesprochen auf die Jubel- und Feierszenen im Fernsehen nach dem Gewinn der Europameisterschaft, als er sich in Berlin gar das Mikrofon schnappte und zum Stimmungsmacher avancierte, winkt er nur ab. Das mag ich schon gar nicht anschauen. Ohnehin ist sein Blick eher auf das Wesentliche gerichtet. Zum Hype um die MT in den letzten Wochen: “Das habe ich gar nicht so mitbekommen, das interessiert mich auch nicht”, gesteht der Schlaks. Wohlwissend, dass er durch seine Anstellung bei den Nordhessen nicht ganz schuldlos daran ist.

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